“Harmonie ist nicht” – Warum sich Politik trotzdem lohnt (Medienblick Bonn)

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Frederik Schorn beim Jugendparlament 2010 (Bild: Deutscher Bundestag)

Stellvertretender Landesvorsitzender und Kreistagsabgeordneter der JuLis: Mit 23 Jahren ist Frederik Schorn schon ein alter Hase im politischen Geschäft.  Im Interview erklärt er, warum es sich gerade jetzt für junge Menschen lohnt, sich in der Politik zu engagieren – auch wenn sie manchmal ziemlich unsexy sein kann.

Du hast Politikwissenschaften und Soziologie studiert und schon viel Praxiserfahrung in der Politik gesammelt. Wie bereitet man sich am besten auf eine politische Karriere vor? Hilft der Unterricht in der Schule?

Wenn überhaupt mal guter Politikunterricht stattfinden würde. Also nein, gar nicht. Das einzige, woran ich mich überhaupt erinnern kann im Politikunterricht ist, dass man mal ganz grob so ein Gesetzgebungsverfahren durchgegangen ist, dass man zumindest weiß, wie es funktioniert. Das kann mal nett sein, wenn man die Tagesschau sieht. Das einzige, was auf die Arbeit in der Politik vorbereitet ist, wenn man die Veranlagung hat, gut zu netzwerken, wenn man gut mit Leuten kann, wenn man überzeugend rüber kommt, wenn man was von seiner Idee erzählen kann. Aber ich glaube nicht, dass die Schule, der Lehrplan dich darauf vorbereiten kann. Der Politikunterricht in der Schule ist, sorry, zu häufig für den Arsch.

Was heißt es eigentlich genau, Politik zu machen? Wie sieht dein Alltag aus?

Als Kreistagsabgeordneter arbeite ich zum Beispiel am Jugendförderplan, der alle sechs Jahre fortgeschrieben wird. Da heißt, man hat nur einmal in sechs Jahren die Chance, etwas für junge Leute zu bewegen. Da geht es darum, wer die Finanzierung von Jugendzentren übernimmt, von Maßnahmen, zum Beispiel Jugendgerichtshilfe. Was ich als Abgeordneter den ganzen Tag also mache: Ich arbeite Vorlagen durch, ich rufe Leute bei anderen Parteien an und frage im Vorfeld, wie ist die Meinungsbildung in der Fraktion, rede mit Fachleuten und versuche dann eine Position darzustellen und so auszuarbeiten, dass ich sie vertreten kann. Es ist super vielfältig und du hast selten einen Tag der so ist wie der andere.

Wie kamst Du dazu, in die Politik zu gehen? Gab es da einen Schlüsselmoment?

Das waren zwei inhaltliche Sachen. Mein Vater ist selbstständig und muss von morgens bis abends arbeiten. Er hat mir erklärt, wie viel er an den Staat abgeben muss. Wenn man so viel arbeitet, kann man doch nicht über die Hälfte seines Geldes abgeben! Wenn die Straßen dafür wenigstens okay wären! Außerdem habe ich mich immer über Videoüberwachung an allen Ecken aufgeregt, das fand ich schlecht, weil es in meine Privatsphäre eingreift.

Und deine Motivation war es, etwas daran zu ändern?

Ja, auf jeden Fall. Und ich fand‘s natürlich toll, die Reden im Bundestag zu sehen, wenn sich da alle kabbeln und sich rhetorische Schlagabtausche liefern. Das ist mein Ding, da habe ich Spaß dran.

Harmoniebedürftigkeit ist anscheinend nicht von Vorteil.

Nein, wenn du harmoniebedürftig bist, Streit dich nervt und du erwartest, dass alle nett zu dir sind, dann geh nicht in die Politik. Dann geh in die Pfadfindergruppe, mach irgendwas anderes Ehrenamtliches. Harmonie ist nicht.

Du hast in Bonn studiert, ehemalige Bundeshauptstadt, Regierungssitz neben Berlin. Ist das Studieren in Bonn politischer, ist die Einstellung anders?

Das würde ich sagen. Angefangen damit, dass die Professoren, mit denen man ein Seminar hat, dann nachmittags bei Phoenix sind. Professor Kronenberg, Professor Decker, das sind wirklich Koryphäen. Der Standard ist hoch, was sich daraus ergibt, dass die Tradition von Bonn als Bundeshauptstadt als ehemaliger Regierungssitz noch wirklich greifbar ist. Es sitzen ja auch viele Ministerien in Bonn, da ist sehr schnell der Kontakt hergestellt. Man hat super viele Praktika in Bonn, ich habe zum Beispiel meine Bachelorarbeit bei Jürgen Rüttgers geschrieben. Also ja, wenn du ein bisschen mehr Praxis suchst, dann geh nach Bonn.

Apropos Praxis: Es gibt ein Foto von dir, wie Du im Deutschen Bundestag sprichst. Wie kam es dazu?

Es gibt im Bundestag einmal im Jahr eine Veranstaltung, bei der junge Leute aus ganz Deutschland drei Tage Parlament spielen können, das Jugendparlament. Mich hat damals Gabi Molitor, die Bundestagsabgeordnete aus dem Kreis Euskirchen dorthin geschickt. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Man kommt dahin und wird einer Fraktion zugewiesen und bekommt einen fiktiven Lebenslauf, ich war zum Beispiel ein Lehrer aus Bitterfeld in Thüringen. Und dann muss man sich in die Rolle reindenken. So kam es dazu, dass ich im Bundestag reden durfte, das werde ich nie vergessen. Das ist die beste Erfahrung, die man als politisch interessierter Jugendlicher machen kann.

Und Du warst dann auch länger in Berlin und hast das politische Flair aufgesogen?

Auf jeden Fall. Man muss sich vorstellen, man ist da vier Tage und man ist quasi Abgeordneter, der Bundestag öffnet dir alle Türen, du bist auf der Fraktionsebene, läufst durch alle Büros, triffst die ganzen bekannten Leute, alle Mitarbeiter. Du tauchst vier Tage lang in den Abgeordnetenalltag ein, das gibt es sonst nie. Das ist eigentlich das Beste, was Deutschland zu bieten hat in der politischen Bildung.

Laut einer Umfrage der Universität Konstanz von 2007, finden allerdings nur 37 % der Studierenden, dass Politik sehr wichtig ist, 2001 waren das noch 46% und 1990 sogar 53%.  Und 21% gaben sogar an, gar kein oder nur ein geringes politisches Interesse zu haben. Wie erklärst Du dir das und kannst Du das irgendwie nachvollziehen?

Ich kann es überhaupt nicht nachvollziehen. Sieht man ja schon, wenn an der Uni das Studierendenparlament gewählt wird und da gehen maximal 11% der Studierenden hin. Du findest ja kaum noch jemanden, der in einer politischen Jugendorganisation ist oder überhaupt was macht, viele gehen politischen Diskussionen sogar aus dem Weg, selbst wenn du Politik studierst. Es gibt ja immer wieder Leute, die sagen, dass Studenten gar keine Zeit hätten. Ich finde, du hast nie im Leben so viel Zeit für Politik wie an der Uni, gerade wenn du Politik studierst. Man muss aber auch sagen, in den 70ern hat nur ein ganz geringer Prozentsatz der Jugendlichen oder der Abiturienten studiert und heute geht über die Hälfte eines Jahrgangs  an die Uni. Und so nivellieren sich die Zahlen auch. Aber ja, es ist anders geworden. Die Leute haben häufig keinen Bock mehr auf Politik.

Betrifft das deiner Meinung nach nur die Jugend oder ist Politikverdrossenheit ein generelles Phänomen?

Die Politikverdrossenheit hat schon zugenommen, was nicht heißt, dass die Leute an sich apolitisch geworden sind. Ich habe das Gefühl, Politikinteresse hat abgenommen, Betroffenheitspolitik hat zugenommen. Ich weiß noch, da gab es mal eine Zeit vor ein paar Jahren, da haben alle das Revival des Politischen in den Bürgerinitiativen gesehen. Heute sagt man, eine Bürgerinitiative, das ist wenn du keinen Bock hast, dass die Leute vor deiner Haustür 50 fahren und du gern hättest, dass die woanders 50 fahren, aber nicht vor deiner Tür. So funktioniert Politik nicht. Politik ist auch so ein bisschen die Kunst des Kompromisses und des Interessenausgleichs. Es ist ein Konzept des Meinungspluralismus, aber wenn man sich nur für seine eigene Sache engagiert, dann ist man meiner Meinung nicht politisch, dann ist man egoistisch, sorry.

In dieser Umfrage befanden nur 28 Prozent der Studierenden, dass Politik und das öffentliche Leben relevante Themen sind, 1983 waren es noch 39 Prozent. Gibt es überhaupt noch Themen, die für Jugendliche interessant sind oder besprechen wir nur noch die Probleme der Alten, Stichwort demographischer Wandel?

Ich erzähl dir mal etwas Lustiges: Die größte einzelne Wählergruppe sind mit über 6 Millionen Mitgliedern Frauen zwischen 60 und 70, mit mittleren bis niedrigen Bildungsstand. Und jetzt schau dir mal an, was das teuerste Einzelprojekt der Großen Koalition war: Die Mütterrente für Mütter, deren Kinder vor 1991 geboren sind.  Die Parteien sind so überaltert, die Grünen haben noch den besten Altersdurchschnitt mit 48, die anderen Parteien sind im Durchschnitt älter. Die haben doch keinen Bezug mehr zur jungen Generation. Früher hieß es bei Umfragen auch bei den Älteren, lieber nicht so viele Schulden machen, das müssen unsere Enkel bezahlen. Das hat sich in den Umfragen total geändert. Heute sagen die älteren Leute, ich habe doch 40 Jahre gearbeitet, ich habe das Land hier aufgebaut, dann will ich auch was sehen. Ich glaube, das ist einfach viel egoistischer geworden. Und wer es abkriegt sind die numerisch kleinen Gruppen, also junge Leute. Und dann sehe ich, dass sie sich noch nicht einmal engagieren, dass sie keinen Bock haben auf Politik. Ja, Politik ist manchmal unsexy, aber wenn man keine Lust hat etwas zu ändern, dann muss man sich nicht wundern, wenn die 60-jährigen die Partei wählen, die die Mütterrente will.

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Eine Form der Beteiligung für jeden: Wahlen (Bild: Awaya Legends / flickr.com unter CC-BY)

Aber gerade in dieser Situation sollten sich junge Leute doch zusammen schließen.

Ja absolut, aber junge Leute sind ja selbst total zerstritten. Jetzt kommt ja das Unverständliche: Ich bleibe mal beim Beispiel Mütterrente oder Rente bis 63, die hat den Kollaps des Rentensystems vorgezogen. Wenn man sich dann die Umfragen anschaut, sieht man, dass gerade bei jungen Leuten die Rente mit 63 gut ankommt. Über die Hälfte der jungen Leute sagen: Ist doch schön, dass die jetzt mit 63 in Rente gehen können, ich habe auch keine Lust bis 65 oder 67 zu arbeiten. Da denke ich mir, sorry, befasst euch doch mal damit. Und selbst wenn die Jugend sich mal zusammentun würde, unter welchem Banner wäre das? Was ist denn heute noch konsensfähig bei den jungen Leuten?

Konsens findet sich häufig in der Mode oder im sogenannten Life Style, siehe der aktuelle Hipster-Trend. Geht darüber das Wichtige aus dem Fokus?

Ja, das fällt dann unter dem Motto Work-Life-Balance, Lebensqualität und so etwas. Es wird als wichtig wahrgenommen, dass ich mich wohl fühle, ein subjektives Empfinden habe, dass alles super ist, dass ich im Hier und Jetzt gut lebe. Weniger die tatsächlichen Probleme unseres Landes bzw. wie es in 20 Jahren ist. Das kann man als Wohlfühl-Stagnation bezeichnen. Und man nimmt es billigend in Kauf, dass wir hier stagnieren, nur weil gerade alles geil läuft. Es läuft ja auch alles geil für junge Leute. Man kriegt BAföG, man kann studieren, man wird nicht so gehetzt, man weiß genau, es gibt weniger junge Leute, selbst in der Politik bekomme ich heute noch einen Job. Und es gefällt allen im Status Quo. Ich hoffe, dass sich das niemals rächen wird.

Aus dieser Untersuchung, die ich gerade zitiert habe, geht außerdem hervor, dass 18 Prozent der Studierenden Politik als zu kompliziert einstufen. Findest Du, das liegt an den Nachrichten, sind sie einfach zu kompliziert?

Nein. Die Nachrichten sind in den meisten Fällen überhaupt nicht tiefgehend. Ich finde, sie sind oft genug geradezu tendenziös in Deutschland. Wenn du mal eine risikoreiche Politik machst, die auf Chancen zielt, werden die Risiken überbetont. Wenn du eine besitzstandwahrende Politik fährst, werden die Risiken bewusst verschwiegen. Politik ist unfassbar kompliziert, das muss man den Leuten auch mal so klar sagen. Vor allem der Meinungsbildungs- und Meinungsfindungsprozess ist, das gebe ich ja gerne zu, von außen super schwer durchschaubar. Aber ich glaube, wenn die Nachrichten etwas hintergründiger berichten würden, dann würden die Leute auch mehr Verständnis entwickeln. Ich denke, so entsteht Politikverdrossenheit, dass man erst mal desinformiert ist, dann ein Gefühl der Machtlosigkeit entsteht und die Leute sich sagen, dann muss ich auch nicht wählen gehen. Es findet kein Pluralismus mehr statt in der öffentlichen Debatte, weil niemand mehr widerspricht und deswegen glaube ich, dass die Medien noch sorgfältiger vorgehen müssen. Wenn überhaupt, dann müssen die Nachrichten komplizierter werden, und nicht einfacher.

Wie sind denn die Reaktionen auf der Straße, wenn Du während des Wahlkampfs am Infostand stehst?

Viele wollen mal so richtig ihre Wut rauslassen, das sind die sogenannten Standpöbler. Aber es gab auch schon mehrere Fälle, bei denen man die Chance bekommen hat, mit gescheiten Leuten zu reden und sie zum Stammtisch einzuladen. Und die sind auch tatsächlich eingetreten und wirklich aktiv. Das sind immer die schönsten Momente in der Politik, wenn man sagen kann, den hatte ich. Der kämpft mit mir für gemeinsame Ziele und das ist dann ein tolles Gefühl. Politik ist unglaublich frustrierend, gerade wenn man in der Opposition ist. Es gibt immer wen, der deine Pläne durchkreuzt, mit etwas, was du für völlig falsch hältst. Und da gibt es immer diese kleinen Momente, in denen du denkst, den einen habe ich überzeugt oder diese kleine Änderung am Antrag, das haben die in der Regierung eingesehen. Und das ist geil und da hat es sich schon gelohnt.

Politik hört sich sehr anstrengend an. Warum machst Du es trotzdem?

Weil es Spaß macht. Wenn man Spaß am Argumentieren hat, wenn man daran glaubt, dass es die Kraft des besseren Arguments gibt, und man sich herausgefordert fühlt, weil man seine Argumente für die besten hält, dann macht das Spaß. Eine Idee zu verkaufen, ist für mich eigentlich das Schönste, was es gibt.

Und wenn nun ein junger Student zu dir kommt, der sich für Politik interessiert, aber gar keine Ahnung hat, wo er anfangen soll, wie würdest du ihm helfen?

Ich würde ihm empfehlen, einfach mal ins kalte Wasser zu springen, und zu einem Stammtisch oder zu einer Veranstaltung von einer Jugendorganisation zu gehen. Ich würde schauen, wie wird da mit dir umgegangen als neuer Mensch, wie ist die Diskussionskultur, redet nur einer oder dürfen alle etwas sagen? Und bei denen die das zulassen, zu denen  man wieder kommen möchte, sollte man bleiben, wenn die Inhalte einigermaßen passen. Einfach mal probieren, da muss auch die Hemmschwelle sinken. Toll wären auch Veranstaltungen bei den Jugendorganisationen, bei denen nicht alle am Tisch sitzen, sondern mal eine Kneipentour, Grillen am Rhein, da kann jeder dazu kommen. Und dann quatscht man einfach mal unvoreingenommen über Politik.

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