Mitbringsel vom Journalisten-Familientreffen (volo@work)

Quelle: http://akademie.dw.de/voloatwork/nr15/

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Inception: Wir gucken in einem Workshop den Livestream, weil der Raum so voll ist, dass wir nichts sehen.

Die durchschnittliche Erinnerungs-Halbwertzeit von Gelerntem auf Konferenzen ist äußerst kurz. Direkt nach Ende denkt man noch euphorisch: „Was habe ich nicht alles für inspirierende Menschen getroffen und Dinge kennengelernt.“ Kaum zu Hause angekommen, kommt der Arbeitsalltag und nach nicht einmal einer Woche heißt es: „Ja, was genau habe ich eigentlich nochmal gelernt?“ Puff, alles weg und die Notizen sind unleserliches Gekritzel.

Wir waren am vergangenen Wochenende zu Gast beim NDR in Hamburg bei der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche, kurz #nr15. Und wir haben wirklich einige spannende journalistische Projekte und Produkte kennengelernt und massig nützliche Tipps für unsere Arbeit bekommen. Damit wir uns in einer Woche nicht nur an unsere nahezu ausnahmslos verkorksten Zugfahrten am Hitzewochenende erinnern, haben wir eine Linkliste mit unseren persönlichen Mitbringseln zusammengestellt. Auch für Nicht-Journalisten ist was dabei.

Journalistische Plattformen/Blogs/Start-Ups

Watchblogs für Medien gibt es einige. Doch beschäftigen die sich kaum mit einer Sparte, die monatlich Millionen Leser erreicht: der Regenbogenpresse. Auf dem Blog „Topf voll Gold“ werden verdrehte Tatsachen entwirrt und erfundene Geschichten entlarvt.
www.topfvollgold.de/

Vor vier Monaten endete die Crowdfundingkampagne für „Deine Korrespondentin“ – erfolgreich. Den Gründerinnen geht es zum einen darum, die Geschichten von Frauen weltweit zu erzählen. Zum anderen ist „Deine Korrespondentin“ eine Plattform für freie Auslandsjournalistinnen.
www.Deine-Korrespondentin.de

Lokaljournalismus ist tot? Mitnichten! Eine hyperlokale Onlinezeitung aus dem Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin beweist das Gegenteil. Artikel, die älter als drei Wochen sind, sind kostenfrei zugänglich.
www.prenzlauerberg-nachrichten.de/

Erst im vergangenen Jahr gegründet, doch in Journalistenkreisen schon recht bekannt. Dennoch möchten wir die Organisation in unsere Linkliste aufnehmen. Correctiv (Eigenschreibung: CORRECT!V) ist ein gemeinnütziges Recherchebüro. Vor wenigen Wochen wurden sie für ihre Webreportage über den Absturz des Malaysia-Airline-Fluges 17 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Auch die grafische Reportage „Weiße Wölfe“ über den rechten Untergrund löste eine Vielzahl von Medienreaktionen aus.
https://correctiv.org/

Das International Consortium of Investigative Journalism ist – wie der Name schon sagt – eine Organisation für investigativen Journalismus. Mehr als 190 Journalisten aus rund 65 Ländern sind daran beteiligt. International Aufsehen erregte das ICJI beispielsweise mit den Luxemburg-Leaks oder den Offshore-Leaks.
http://www.icij.org/

Journalistische Produkte

Ein Datenprojekt von Journalisten aus 15 europäischen Ländern zum Thema Flüchtlinge: The human and financial cost of 15 years of Fortress Europe.
www.themigrantsfiles.com/

Anja Reschkes Kommentar zum Gedenken an Ausschwitz verbreitete sich viral. Reschke selbst kann das nur bedingt nachvollziehen. “Keinen Schlussstrich hinter Auschwitz? So mutig und neu war das ja gar nicht”, sagte sie bei #nr15 auf dem Panel über Haltung im Journalismus. Der Kommentar ist schon ein halbes Jahr alt. Warum wir ihn hier trotzdem aufnehmen? Weil er verdammt gut ist!
www.tagesschau.de/multimedia/video/video-58075.html

Muss man eine Person treffen, um über sie ein Porträt schreiben zu können? Boris Kartheuser probierte das aus und porträtierte einen US-Amerikaner, ohne ihn jemals gesprochen zu haben. Seine Quelle: das Internet. Unter unserem Punkt „Tools“ gibt es auch noch eine Liste mit einigen der Webseiten, die er dafür verwendet hat. Der Autor versucht übrigens, jedes Foto von sich mit Namensnennung im Internet zu vermeiden.
http://folio.nzz.ch/2014/oktober/ist-das-ein-portrait

Wie nah darf und sollte ein Filmemacher seinen Protagonisten kommen? Welche Distanz muss er wahren? Wann wird er selbst zum Akteur? Anhand von drei Beispielen haben wir über dieses Thema diskutiert. Alle sind einen oder mehrere Klicks wert.

„7 Tage…“ ist ein Dokuformat des NDR. Zwei Reporter begleiten in der Regel sieben Tage lang Menschen, sind an einem bestimmten Ort oder bei einer Tätigkeit. Es entstehenden sogenannte teilhabende Reportagen. Bisher erschienen sind unter anderem die Folgen: unter Pennern, unter Pfadpfindern oder auf der Alm. Bei #nr15 stellte Stefanie Gromes ihren Film „7 Tage… FEMEN“ vor. „Wenn ich den Protest verstehen will, muss ich ihn auch erlebt haben”, sagte Gromes bei dem Workshop.
www.ndr.de/fernsehen/sendungen/7_tage/index.html
www.ndr.de/fernsehen/sendungen/7_tage/7-Tage-FEMEN,sendung352218.html

“Wenn man sich von Protagonisten wie Mehmet Göker duzen lässt, kann man einpacken”, sagte Klaus Stern über seinen Protagonisten. In zwei Filmen hat Stern den Versicherungsvertreter Mehmet Göker portraitiert. Und genauso heißt auch der Film: „Versicherungsvertreter“. Wir finden: skurril und unterhaltsam zugleich. Die Filme sind allerdings nicht frei online verfügbar.
www.versicherungsvertreter-derfilm.de/index.php/trailer/trailer
www.versicherungsvertreter2-derfilm.de/index.php/presse#presse

Nino Seidel begleitete den 31-jährigen Anwalt Rami auf seiner Flucht von Syrien. Bei der Umsetzung nutzte Seidel verschiedene Wege, so konnten Nutzer die Flucht sogar über Whats-App nachverfolgen. Das Protokoll:
www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Protokoll-einer-Flucht,fluchtprotokoll100.html

Interessante Tools für Journalisten

Jenni Schwanenberg, Innovation Manager bei dpa, stellte in einem Workshop fünf neue Storytelling-Tools vor. Besonders gefallen hat uns line.do, ein türkisches Startup. Das Werkzeug eignet sich vor allem für digitale Geschichten, in denen Zeitleisten eingesetzt werden sollen.
https://line.do

Schick ist auch Public Tableau, eine kostenlose Software, um Daten zu visualisieren. Wird vom Team Data beim Bayerischen Rundfunk genutzt.
https://public.tableau.com/s/

Ist Varoufakis Stinkefichter echt oder nicht? Damit ging’s los im Workshop zu Onlineverifikation. Boris Kartheuser und Konrad Weber stellten zahlreiche Webseiten und Tools vor, die helfen, ein Foto oder Video auf Echtheit zu prüfen.

Da besteht wohl Bedarf für eine ordentliche Quellenverifikation. R3 zum Workshop von @braunweiss und @konradweber ist brechend voll. #nr15

— Dennis Horn (@dennishorn) 4. Juli 2015

Viel “Krass!”- und “Geil!”-Geflüster im Workshop Online Verification bei einer Demo von Jeffrey’ Exif Viewer für Foto-Metadaten. #nr15 — Helena Kaschel (@helenakaschel) 4. Juli 2015

Kartheuser und Weber haben den kompletten Rundumschlag geboten: Es ging darum, die Geodaten eines Fotos auszulesen, den Sonnenstand oder das Wetter an einem Ort zu einer beliebigen Zeit zu ermitteln, um eine Video auf Plausibilität prüfen zu können und darum, in sozialen Netzwerken zu recherchieren. Dankenswerterweise haben sie ihr geballtes Wissen auf ihren Webseiten zusammengefasst. Unbedingt abspeichern!
http://konradweber.ch/angebot/recherche-in-social-media/
www.investigativerecherche.de/ressourcen/

Hintergrund

Beim gutbesuchten NSU-Workshop wurde die Berichterstattung zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds sowohl vom Panel als auch vom Publikum hitzig diskutiert. Mit der Rolle des Journalismus und dem Vorgehen von Journalisten im Zusammenhang mit dem Prozess beschäftigt sich die medienkritische Studie “Das Wort erklärt die Untat”, die Mitautorin und Kommunikationswissenschaftlerin Professor Elke Grittmann in Teilen vorstellte.
http://www.forena.de/wp-content/uploads/2015/01/OBS-AH79_web.pdf

Folgen bei Twitter

Dennis Horn, unter anderem Moderator bei DRadio Wissen, ist uns während #nr15 als besonders fleißiger Twitterer aufgefallen und hat die Konferenz mal lustig, mal kritisch, aber immer unterhaltsam begleitet.
Twitteraccount: @dennishorn

Plan fürs kommende Jahr: keine Podiumsdiskussionen mehr besuchen, sondern nur noch Workshops. #nr15

— Dennis Horn (@dennishorn) 4. Juli 2015

Wenn Juliane Wiedemeier im #n15 Twitterfeed auftauchte, mussten wir meist schmunzeln. Sie ist freie Journalistin und schreibt für die Prenzlauer Berg Nachrichten (siehe oben). Twitteraccount: @Workingmonkey

“Alles, was ich hier erzähle, können Sie auch auf unserer Website nachlesen” (Platz 1, was man nicht sagen sollte bei 34 Grad im Saal) #nr15 — Juliane (@WorkingMonkey) 3. Juli 2015

Die Jahrestagung von Netzwerk Recherche hat uns viel Spaß gemacht – nicht zuletzt wegen des Essens…

Wir verabschieden uns für heute. #nr15 #vololife #lowcarb #thegoodlife #feierabend #hamburgmylove #currywurst pic.twitter.com/eU6n9vI3g4

— DW Volos (@dw_volos) 3. Juli 2015

http://akademie.dw.de/voloatwork/wp-content/uploads/2015/06/U.Steinwehr_2-150x150.jpg

Uta Steinwehr ist die Einzige im Team, die (noch) kein Smartphone besitzt. Bei #nr15 fand das ein Referent avantgardistisch. Muss sie an einen unbekannten Ort, hat sie wahlweise einen Stadtplan oder eine kleine Skizze dabei. Mobile Reporting macht ihr trotzdem Spaß. Twitter: @u_stw.

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