Entschuldigung, Sie haben da eine Gitarre am Schuh (BEHIND-THE-ART : BLOG der BUNDESKUNSTHALLE)

Quelle: http://www.bundeskunsthalle.de/blog/2015/09/04/entschuldigungsie-haben-da-eine-gitarre-am-schuh/

Na, dann kann es ja losgehen. Wir haben den performativen Sektor betreten – alles was ab jetzt gesagt, getan oder berührt wird, ist Kunst. Bitte unterschreiben Sie hier.

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Dem Kunsthistoriker treibt es den Schweiß auf die Stirn, der Medienwissenschaftler kommt zumindest ins Grübeln. Die Art, wie Chicks on Speed Kunst mit Popmusik verquirlen, wie sie auf lässige Weise Performance, Mode und kritischen Diskurs miteinander verknoten, passt in keinen fabrikfertigen Begriffsschuh. Macht nichts – die Chicks helfen auch hier gerne weiter und liefern die maßgeschneiderte Überschrift selbst: Artformance. Der Wissenschaftler kann aufatmen und darf mittanzen: Art rules! Dies war der Titel einer Performance, mit der die Chicks on Speed durch die Museen der Welt tourten – #MoMA New York und #CentrePompidou Paris inbegriffen.
Was die Chicks hier auf die Bühne brachten, war keine Hymne an die Kunst, sondern ein musikalisch-ironischer Kommentar auf das System: Brush it up, rip it down, art’s the rule, cash the tool! Are you a nobody, well, die and get famous, your own retrospective at just 33!

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Die kritische Perspektive und eine politische Haltung spiegeln sich nicht nur in den Texten der Chicks, sondern vor allem in ihrer künstlerischen Praxis wieder: Grenzen interessieren die Künstlerinnen nur insofern, als es um deren Überwindung geht. Die Konventionen des Kunstmarktes und die ästhetischen Standards zeitgenössischer Kunst kennen sie sehr wohl – und durchkreuzen sie gerade deswegen. Craft-Ästhetik und Do-it-yourself-Kultur treffen bei den Chicks on Speed auf High-Class Videoproduktionen, ausgefeilte Technik-Gadgets und eigens programmierte Apps. Dahinter steckt eine Überzeugung: kreative crowd und freidenkende folks aller Länder vereinigt euch! Ihre Komplizen finden die Künstlerinnen dabei in allen Bereichen der Kunst und Wissenschaft, in der Popmusik, Modewelt und sowieso weltweit. Ob Fotosessions mit Karl Lagerfeld, Musikproduktionen mit Peaches als Gast oder eine Performance mit Douglas Gordon (bei der sie dem Künstler übrigens nackt den Hintern versohlten und ihn anschließend in eine Vitrine steckten), Kollaborationen mit Yoko Ono, Peter Weibel oder auch Julian Assange – Chicks on Speed rebellieren gegen kulturelle Hierarchien. Egal, ob es dabei um eine Abstufung innerhalb der Genres geht, um unterschwelligen Sexismus, Rassismus oder um einen generell herrschenden Kulturimperialismus: „Keep an eye on Überlegenheit“ sagt Melissa Logan, eines der Chicks on Speed, in einem Interview und meint damit die latente Arroganz innerhalb des Systems Kunst.

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Kollaboration und Komplizenschaft sind daher die Waffen ihrer Wahl, um gegen ausgrenzende Mechanismen innerhalb des Systems zu kämpfen. Sind die Chicks eingeladen, um an einem der renommierten Museen der Welt zu aufzutreten, laden sie gerne unerwartete Gäste ein. Und wenn es darum geht, die Menge zu unterhalten, fordern sie das Publikum nicht ohne Hintergedanken auf, aktiver Teil der Performance zu werden. Schließlich ist man als Konsument ohnehin integraler Bestandteil des Systems – und als Künstler erst recht. Wieso also nicht gleich gemeinsam performen? Mittels einer App können die Zuschauer von der konsumierenden auf die produzierende Seite wechseln, und auch live auf der Bühne – mittels Kamera und Projektion – zu Protagonisten werden.

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Ein Objekt, in dem sich Aktionismus, Selbstermächtigung und der Clash of Genres materialisieren, ist der Gitarren-Heel, den die Chicks on Speed schon vor einigen Jahren entwickelten und der nach wie vor in beinahe jeder Show zum Einsatz kommt. Ein modisches Musikinstrument, elektronisches Gadget – oder gar Kunst? Die High-Heel-Shoe-Guitar wird wohl kaum in Massenproduktion gehen, doch vermittelt sich darin die Idee eines experimentellen Prototyps, die den Nutzen dieser kategorischen Abgrenzungen in Frage stellt. Warum unterscheiden wir eigentlich zwischen Hoch- und Subkultur, und wer legt fest, was in diese Kategorien fällt? Keep an eye on Überlegenheit – and move your ass!

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